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Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 


Museum Judengasse


Im Jahr 1462 trat ein Erlass des Frankfurter Rats in Kraft, der den Juden befahl, in eine 300 Meter lange Gasse mit drei Toren am Rand der damaligen Stadtmauer umzusiedeln. Sie blieben dort bis zur napoleonischen Eroberung der Stadt im Jahr 1796 wohnen. Im 17. Jahrhundert lebten bis zu 3.000 Menschen in der Judengasse, damals mehr als zehn Prozent der Frankfurter Stadtbevölkerung. Das erste jüdische Ghetto Europas galt zugleich als der
bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in der Frühen Neuzeit. Es wurde im 19. Jahrhundert, also kurz vor und nach dem Abriss der Judengasse (1867-1882), zum Gegenstand vieler teils romantisierender, teils karikierender Bilder und Erzählungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erforschte der Lehrer am Philanthropin Isidor Kracauer das Alltagsleben in der Judengasse. Seine historiographischen Untersuchungen und die seit den 1990er Jahren wieder einsetzende Forschung zur Frankfurter Judengasse bilden die Grundlagen der Neukonzeption des Museums, die folgende Kapitel umfasst: 

 

1.) Judengasse und Börneplatz 

Als die Stadt Frankfurt im Jahr 1987 ein neues Gebäude für die Stadtwerke errichten wollte, stieß man auf die Fundamente von zwei Mikwen und 19 Häusern der Judengasse. Es handelte sich um den bis dato größten archäologischen Fund einer jüdischen Siedlung in Europa. Ausgehend von dem öffentlichen Konflikt um die Frage, wie mit den Zeugnissen jüdischer Geschichte in Deutschland nach dem Holocaust umzugehen sei, thematisiert die Ausstellung zu Beginn die historische Vielschichtigkeit des Ortes. Sie nimmt Bezug auf die Börneplatzsynagoge, die 1882 eingeweiht und 1938 zerstört wurde und thematisiert das Gedanken wie auch den Umgang mit dem historischen Ort nach 1945. 
 
Präsentiert werden unter anderem ein Fernsehbericht über die Gedenkveranstaltung, die hier am 20. März 1946 abgehalten wurde, sowie Bruchstücke aus dem Innenraum der Börneplatzsynagoge.  

 

 Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 

 

2.) Multimediale Installation 

Die spektakuläre Installation führt in die Geschichte der Judengasse ein und bietet
eine topografische Orientierung an. Sie umfasst ein 3 D-Acrylmodell, das auf einer
Hohlkehle angebracht und mit Leuchtelementen versehen ist, die einzelne Häuser
betonen. Die Choreographie dieser Beleuchtung ist auf   einen etwa sechsminütigen
Animationsfilm abgestimmt, der wesentliche Momente in Geschichte und Kultur der Judengasse skizziert.  

 

 Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 
 

 3.) Juden und Christen 

Mit dieser Ausstellungseinheit befindet sich der Besucher in dem Ausstellungsraum, der die Ausgrabungen und zwei Galerien umfasst. Hier werden seltene und hochwertige Objekte aus der Frühen Neuzeit gezeigt, die vor Ort genutzt oder gefertigt wurden. Das erste Kapitel akzentuiert die vielfältigen Beziehungen zwischen den Einwohnern der Judengasse und den christlichen Bewohnern der Stadt Frankfurt und anderer Städte am Beispiel von Ritualgegenständen. Diese wurden zwar von Juden in Auftrag gegeben, jedoch häufig in christlichen Werkstätten gefertigt, so dass sie häufig von christlichen Vorstellungen und Bilderwelten geprägt sind. Dies veranschaulicht etwa der Besamimturm, der in Schwäbisch Gmünd gefertigt wurde – einer Stadt, in der es damals keine jüdische Gemeinde gab.  
 
 

4.) Bilder in der Judengasse 

Bilder von biblischen Szenen spielen im Christentum eine wichtige Rolle. Doch auch die vermeintlich bildskeptische Tradition des Judentums umfasst umfangreiche illustrierte Handschriften und Druckwerke. Häufig greifen diese Illustrationen christliche Bildwelten auf oder schreiben deren Bildsprache fort. Auch Ritualobjekte deuten in ihren Figuren- und Tierdarstellungen gelegentlich auf christliche Vorbilder hin, häufig kommen in ihnen vor allem zeitgenössische Vorlieben oder stilistischer Moden zum Ausdruck.   Dieser reich verzierte Chanukka-Leuchter ist ein Meisterwerk der Silberschmiedekunst aus der Werkstatt von Valentin Schüler (um 1680): Die plastischen Tierverzierungen (Hirsch, Adler, Eichhörnchen, Pelikan) stehen vermutlich für die Verbindung der Familien, die in den gleichnamigen Häusern der Judengasse lebten. Neben Löwen und Engeln ist der Leuchter an der Spitze zentral 
mit einer Darstellung der Judith mit dem Haupt des Holofernes in der Hand geschmückt. Darunter ist ein Mann mit Helm abgebildet, der den Freiheitskämpfer Judas Makkabäus aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert zeigt. Der Leuchter stammt aus dem Vermächtnis der Frankfurter Stifterin und Mäzenin Franziska Speyer. 

 
Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 

 

 5.) Memoria 

Der Friedhof in der Battonnstraße ist einer der ältesten jüdischen Grabstätten Europas, dessen ältester Grabstein auf das Jahr 1272 zurückgeht. Über 2000 Grabsteine sind erhalten, der weitaus größte Teil wurde jedoch von der nationalsozialistischen Stadtverwaltung zerstört.  In Form kleiner Büchlein, die in chronologischer Reihe ausliegen, werden einige ausgewählte Grabsteine gezeigt  und ihre Inschriften erläutert.  



Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 

 

6.) Berufe 

Während der erste Teil der Ausstellung vor allem Zeremonialobjekte wie religiöse Schriften zeigt und auf den Friedhof verweist, wird in dem Teil auf der zweiten Galerie die jüdische Alltagskultur der frühen Neuzeit thematisiert. 
   
Ein erster Schwerpunkt gilt den unterschiedlichen Berufen, den die Bewohner der Judengasse ausübten. Ein Teil von ihnen -  wie etwa Richter, Ärzte oder Hebammen – kümmerte sich um die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung innerhalb der Judengasse. Ein anderer Teil  war im Handel tätig. Neben den Großhändlern, die ihre Waren auch überregional verkauften, lebte die Mehrheit der jüdischen Kaufleute vom Klein- und Hausierhandel. Davon zeugen etwa die Überreste aus dem Gewürzhandel. 

 

7.) Hauszeichen 

In der Frankfurter Judengasse wurden die Häuser oft nach Tieren, Blumen oder Gegenständen benannt, die zumeist zu Beinamen ihrer Bewohner wurden. So nannten sich die Besitzer des Hauses Rotes Schild später Roth-schild – auch wenn sie alsbald gar nicht mehr in dem Haus wohnten. Die Hauszeichen waren am Eingang der Häuser auf eisernen Gittern oder Schlusssteinen angebracht und sind auch auf den Grabsteinen des alten jüdischen Friedhofs zu finden. Die Ausstellung zeigt die noch erhaltenen Stücke.   



 
 

 
























Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 


8.) Alltagsszenen 

Eine Audiostation am Grundriss der Judengasse gibt einen Einblick, welche Geschichten sich in den einzelnen Häusern und auf der Gasse zutrugen:  Eine mittellose Witwe verkauft unerlaubt am Schabbat Kaffee auf der Gasse, um ihre Kinder zu ernähren. Eine Purimfeier endet in Krawallen. Ein Bankier übernimmt sich finanziell und stirbt im Gefängnis. Diese und andere Szenen vermitteln einen lebhaften Eindruck vom Alltag in der Judengasse. 

 

9.) Kaiser, Rat und Juden 

Rechte und Pflichten der Frankfurter Juden regelte die „Stättigkeit“. Sie wurde erstmals Anfang des 15. Jahrhunderts erlassen und wuchs bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts auf über 100 Vorschriften an. Einmal jährlich ließen die städtischen Beamten sie in der Synagoge verlesen Das hier gezeigte Exemplar ist die 1613 erstmals gedruckte Fassung Trotz vieler einschränkender Bestimmungen bot sie für die jüdische Gemeinde auch ein gewisses Maß an Rechtssicherheit.  Eine herausragende Rolle für die Sicherheit der Frankfurter Juden spielte der Kaiser. Dieser verstand sich aber als ihr oberster Schutzherr der Juden und griff gelegentlich auch zu ihren Gunsten in die städtische Politik ein. In welchem Maße die Frankfurter Juden dem Kaiser zugetan waren, verdeutlicht das in das Synagoge vorgetragene hebräische Lobgedicht auf Kaiser Leopold II.anläßlich seiner Wahl und Krönung 1790.  


Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 



10.) Stadtrundgänge 

Zentrales Medium dieses Ausstellungsbereichs ist der großer Vogelschauplan von M. Merian, der Frankfurt am Main im Jahr 1682 und auch die Judengasse zeigt. Eine multimediale Installation ermöglicht es den Besuchern, mit den Augen auf diesem Plan spazieren zu gehen. Vier Audioführungen, die mit einer Lichtchoreographie korrespondieren, vermitteln einen Eindruck von dem wirtschaftlichen Treiben in der Stadt sowie von den Orten, an denen Juden Geschäfte machten oder ihre Freizeit verbrachten. Die Führungen akzentuieren die Themen Handel und Wandel, Freizeit und soziales Leben, Erinnerung an die Lebenswelt vor 1462 und die Fettmilch-Verfolgung. Sie verdeutlichen, in welchem Maße nicht nur die Judengasse, sondern ganz Frankfurt ein Ort jüdischen Lebens war.  

 

11.) Die Ausgrabungen 

Von den Galerien, die sich auf der Höhe des ursprünglichen Erdgeschosses der Häuser der Judengasse befinden, blicken die Besucher auf die Ruinen von fünf Häusern, die in Form von kleinen 3 D-Modellen rekonstruiert wurden. Zwei der fünf Häuser waren besonders prächtig, nämlich: 
 
a.) Steinernes Haus  
Das Steinerne Haus wurde 1717 durch den Kaufmann am kaiserlichen Hof Samson  Wertheimer erbaut und später von der mit ihm verwandten Familie Speyer-Kann Stern bewohnt. Kaufleute am Hof, sogenannte Hoffaktoren, gehörten zur wohlhabenden Schicht der jüdischen Gesellschaft, deren Zusammengehörigkeit häufig durch Eheschließungen untermauert wurde. Samson Wertheimers Tochter heiratete in die Familie Kann ein, eine der einflussreichsten jüdischen Familien Frankfurts. Ihr entstammte auch der Kaufmann Süßkind Stern, dessen Porträt die älteste bekannte Darstellung eines Bewohners der Judengasse ist. 


 
Porträt Süßkind Stern (gest. 1686) Unbekannter Künstler, 1671, Öl auf Leinwand, Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 

b.) Warmes Bad  
Im Haus Warmes Bad befand sich eine Talmud-Hochschule und Synagoge. Stu-denten aus ganz Europa beschäftigten sich hier mit rabbinischen Schriften, dem Talmud und späteren Kommentaren. Die Frankfurter Rabbiner waren wegen ihrer Gelehrsamkeit berühmt; ihre Werke und Entscheidungen hatten überregionale Bedeutung. Darüber hinaus sind im Museum Judengasse noch die Fundamente von drei gewöhnlichen Häusern erhalten.


Bilder Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt 

 c.) Sperber 
Im Haus Sperber wohnte um 1700 die Witwe Rösel, die mit alten Kleidern handelte. Zum Umgang mit gebrauchten Kleidern gehörten auch das Umarbeiten und die Wiederverwendung von Textilien. Der hier gezeigte Tora-Mantel etwa wurde aus den Resten von Altkleiderstoffen zusammengesetzt, die entweder zerschlissen oder unmodern geworden waren. 
 
d.) Roter Widder 
In dem Haus Roter Widder lebten um 1700 ein Lehrer und seine Frau zur Untermiete. Sie unterhielten in ihrem Haus eine Schule, in die wahrscheinlich vor allem Jungen gegangen sind. Im Zentrum des Unterrichts stand das Erlernen der hebräischen Schrift und die Lektüre der Tora. Mädchen sollten meist nur die hebräischen Buchstaben erlernen, damit sie jiddische Texte lesen konnten. 
 
e.) Weißer Widder 
Im Haus Weißer Widder sind Objekte zu den zentralen Stationen eines jüdischen Lebens zu sehen. Mit dem großen, vor Ort gefunden Messer etwa sollten – einem weit verbreiteten Brauch zufolge – nach der Geburt eines Kindes und vor dessen Beschneidung Dämonen abgewehrt werden. Der Pokal der Beerdigungsgesellschaft verdeutlicht, dass es eine Ehre war, dieser anzugehören – fast alle einflussreichen Familien der Judengasse sind hier mit ihren Hauszeichen abgebildet.   

 

Kapitel 12 Literatur und Musik 

 

Das letzte Kapitel des Ausstellungsrundgangs widmet sich der Literatur und Musik der Judengasse. Die Drucke und Handschriften sind lediglich als Fragmente enthalten. Sie entstammen in weiten Teilen der Genisa in der Synagoge von Veitshöchheim. Schriften, die den Gottesnamen enthalten, werden im Judentum nicht weggeworfen, sondern beerdigt und vorher zumeist in einer Genisa gesammelt. Die Genisa von Veitshöchheim, die Ende der 1990er Jahre gefunden wurde, enthielt eine Vielzahl an Fragmenten jiddischer Werke, die in Frankfurt gedruckt worden waren. Darüber hinaus sind in diesem Raum auch Fragmente hebräischer Handschriften zu sehen, die vermutlich bei einem Pogrom geraubt, entweiht und als Einband von Büchern weiterverwendet wurden. In einer Hörstation ertönen die Klänge der 
Judengasse, traditionelle Lieder aber auch in Frankfurt entstandene Balladen und Gedichte.

Adresse: 
Museum Judengasse
Battonnstrasse 47
60311 Frankfurt am Main
Webseite: http://www.museumjudengasse.de/de/home/  

Für den 03.02.2023
Amos 5,4
Denn also spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben!

Markus 1,32-34
Als es aber Abend geworden und die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war vor der Türe versammelt. Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden, denn sie kannten ihn.
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